Warum es abends dunkel wird- Ein Brief an meine Töchter

Ein Brief an meine Töchter

Mittlerweile ist es Februar 2018 und abends können wir schon spüren, wie die Tage wieder länger werden. Vielleicht ist die ganz kalte Zeit ja schon bald vorbei.

Eine perfekte Jahreszeit, um Euch beiden zu erzählen, warum es abends dunkel wird.

Tagsüber, wenn es hell ist und alle Menschen hektisch durch den Tag gehen, dann bleibt oft wenig Zeit, mal in Ruhe nachzudenken. Kennt ihr das, wenn ihr manchmal ganz lange etwas spielt? Dann vergeht die Zeit super schnell und plötzlich ist schon Abendessen. Und das geht vielen Menschen jeden Tag so! Während die stehen, gehen die schon. Und während die gehen, rennen die. Und während die rennen, sind die schon fast am nächsten Ziel.

Erwachsene leben fast nie im Augenblick, sondern malen sich aus, wo sie in fünf Minuten, fünf Stunden oder fünf Tagen sein werden. Oder, wie sie in fünf Jahren endlich glücklich sein werden.

In der Hektik des Alltags bleibt oft keine Zeit für das Jetzt. Dabei haben wir nichts- außer dem Jetzt.

Wisst ihr noch, wie wir uns im Zoo ein Eis kaufen wollten? Und dann gehen wir um die Ecke und- der Kiosk hatte zu! Wir hatten uns schon so gefreut und uns vorgestellt, wie lecker das Eis wohl schmecken würde. Naja, wir hatten ja auch Kekse mit, aber ist es nicht spannend, wie unser Gehirn so arbeitet? Dann malen wir uns aus, wie toll das Eis wohl schmeckt und sehen auf dem Weg die Giraffen gar nicht. Weil wir mehr an die Zukunft dachten, als an das Jetzt. Und das Eis gab´s doch nicht. Und genau so funktioniert das Leben vieler Menschen. Die freuen sich am Montag auf das Wochenende, im Januar auf den Sommer und mit 50 auf die Rente.

Was macht die Menschen so sicher, dass sie noch mehr als genug Zeit haben? Bist Du richtig angekommen, richtig glücklich?

Wenn wir Geburtstag feiern, dann gibt´s ja auch immer Geschenke. Und ihr beiden habt es geliebt, das Papier klein zu reißen und alles auszupacken. Manchmal war Nele neidisch, wenn Du, Leni, eine neue Puppe bekommen hast. Dann wollte sie die Puppe unbedingt auch haben. Das gab gerne mal Zoff. Denn ein Geburtstagskind kommt niemals auf die Idee, seine neue Puppe direkt der Schwester zu geben, niemals. Wenn der Kindergeburtstag irgendwann zu ende war, hat Nele sich die Puppe dann heimlich geschnappt. Sie hat sie in ihrem Arm gehalten, genau untersucht und dann weggelegt. Denn die Puppe war plötzlich gar nicht mehr so toll. Komisch, aus der Ferne sah die irgendwie besser aus. Und als Du ihr die Puppe nicht geben wolltest, da war diese Puppe noch viel spannender.

Auf der Jagd nach dem Glück wirst Du nichts finden. Im besten Falle machst Du erschöpft eine Pause. Und findest Dich selbst

Wir Erwachsenen lachen oft über den Streit um eine Puppe und machen doch selber das ganze Leben nichts Anderes. Wir glauben, dass das Glück von außen kommt. Wir jagen nach Geld, Macht und Konsum.

Wir arbeiten, um uns ein Auto zu kaufen, das wir gar nicht brauchen. Um einem Nachbarn zu imponieren, der sich gar nicht für uns interessiert. Wir kaufen Produkte, weil die Werbung uns Glück verspricht. Wir füllen die angeblichen Mängel in uns auf mit wertlosem Schund. Wir wollen genau die Puppe, die wir gerade nicht haben können. Und wenn wir die haben, wollen wir das Puppenhaus. Und danach den Pferdestall. Und wir verstehen nicht, dass wir auf diese Weise niemals ankommen. Zufriedenheit kommt nicht von außen, sondern von innen.

Es gibt Länder, in denen die Kinder keine schönen Puppen haben. Und wisst ihr was? Wenn man in diesen Ländern die Menschen fragt, sind die oft glücklicher als die Meisten bei uns.

Ihr habt als Kinder immer geliebt, wenn ich mit dem Notarztwagen bei uns zu Hause vorbeikam. Das Blaulicht blitzte ganz hell und das Auto war knalle rot. Leni, weißt Du noch, wie Du Dich reinsetzen durfest?

Manchmal bekamen wir plötzlich einen Einsatz und sind unsere Straße hinunter gefahren. Ihr habt oft mit Mama da gestanden und gewunken, bis wir um die Ecke waren. Nicht immer waren alle Einsätze so, dass ich Euch davon erzählen wollte. Und manche Menschen werden nicht so alt wie Eure Ur-Oma. Deshalb haben wir immer versucht, unser Leben zu genießen und möglichst viel im Jetzt zu sein.

Die Jahre mit Leben füllen. Nicht das Leben mit Jahren.

Wir haben die Zeit mit Euch beiden sehr bewusst wahrgenommen. Wie ihr beiden im Jetzt lebt war für Mama und mich immer das Größte. Es war mir eine Ehre, neben Euch schlafen zu dürfen, Euch einen Teil des Weges zu tragen. Irgendwann wolltet ihr nicht mehr getragen werden und seid neben mir gelaufen. Dann wusstet ihr beiden immer öfter selber, wo Euer Weg hinführt. Und irgendwann werden sich auch unsere Wege trennen.

Wenn es Abend wird, dann kommt die Welt ein wenig zur Ruhe. Die Sonne geht langsam unter, die Menschen gehen in ihre Häuser. Die Schule und der Kindergarten sind zu, der Lärm der Stadt lässt nach. Wenn der Kamin prasselt und leise Musik läuft, dann hört für Minuten der Wettlauf auf. Keine Jagd mehr nach Glück. Kein Getöse, keiner rennt.

Warum klappt das tagsüber nicht auch? Immer mal wieder für ein paar Sekunden innehalten, das Tempo reduzieren, den Augenblick genießen und sehen, dass es außer dem Moment nichts gibt.

Als es dunkel wird, bringe ich Euch ins Bett. Ich lasse das Rollo herunter. Draußen blitzt irgendwo in der Ferne ein Blaulicht am Himmel. Die Puppe liegt in der Ecke.

Wer weiß, wie viele Abende wir noch gemeinsam haben.

Es wird dunkel, damit wir uns selber sehen können.

Timm Steuber, Februar 2018

 

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2018-02-15T11:28:24+00:00

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